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Praxis interpretativen Schreibens – wie wird aus Datenmaterial Analyse

Zu sehen ist ein Holztisch, auf dem ein aufgeklapptes Notizbuch, darunter ein Tablet und rechts daneben eine Teetasse und ein Kalender liegt.

In meinem Methodenseminar dieses Semester habe ich wieder gemerkt, wie unsicher Studierende sind, wenn es darum geht die Ergebnisse zu verschriftlichen. Deshalb habe ich die in den vergangenen Semestern erprobten Hinweise nun systematisch in einem Foliensatz gebündelt, den ich hier zugänglich mache. Aufgrund von Urlaubszeit etc. etwas zeitverzögert. Im Zentrum steht die Praxis des interpretativen Schreibens.

Was ist die Praxis des interpretativen Schreibens

Studierenden fällt es oftmals schwer, die Ergebnisse ihrer qualitativen Forschung aufzuschreiben. Viele wissen sehr genau, was sie in Interviews, Beobachtungen oder Dokumenten herausgearbeitet haben. Sobald sie diese Erkenntnisse jedoch zu Papier bringen sollen, entsteht Unsicherheit: Wie viel Material muss ich zeigen? Was gehört in die Interpretation? Und woran wird deutlich, dass meine Analyse mehr ist als eine persönliche Einschätzung? Interpretatives Schreiben bedeutet nicht, das erhobene Material möglichst vollständig nachzuerzählen. Es geht vielmehr darum, ausgehend von ausgewählten Materialstellen eine soziologische Analyse zu entwickeln. Interpretatives Schreiben verlangt, die eigenen gedanklichen Schritte sichtbar zu machen. Leser*innen sollen nachvollziehen können, wie aus einer konkreten Textstelle eine soziologische Aussage hervorgeht. Dafür wird beschrieben, wie Material ausgewählt, verdichtet, interpretiert und theoretisch eingeordnet wurde.

Leitfaden für das interpretative Schreiben

Dazu habe ich folgenden Leitfaden entwickelt, der greift, wenn das Material bereits ausgewertet wurde – egal mit welcher qualitativen Methode. Dieser Leitfaden ersetzt also nicht die vorherigen methodischen Schritte zur Analyse des Datenmaterials, sondern soll dabei helfen, wie aus dieser Analyse ein Text wird. Aber Achtung: Die vier Schritte sind als Orientierung und nicht als streng lineare Abfolge zu verstehen. In der Praxis werden analytische Aussage, Materialauswahl, Interpretation und theoretische Einordnung häufig mehrfach aufeinander bezogen und überarbeitet.

  1. Eine analytische Aussage formulieren: Am Anfang steht nicht das Zitat, sondern eine Aussage darüber, was im Material rekonstruiert wurde. Diese Aussage sollte präzise sein und bereits eine analytisch-theoretische Perspektive enthalten. Statt zu schreiben: „Die befragten Professor*innen nutzen digitale Medien in der Lehre.“ wäre beispielsweise zu schreiben „In der Nutzung digitaler Medien wird ein spezifischer Lehrhabitus deutlich“ (siehe dazu Steinhardt/Mauermeister 2026). In dem Beispiel wird erkennbar, dass bereits in der analytischen Aussage eine theoretische Brille genutzt wird – hier die Habitustheorie nach Bourdieu (1987) und Habitusmuster nach Teiwes-Kügler/Lange-Vester (2018). Diese muss entsprechend beschrieben und ausgeführt werden, warum sie sich für die Analyse des eigenen Datenmaterials eignet. Je nach methodischem Vorgehen wird die theoretische Brille vor (deduktiv) oder nach (induktiv) der Auswertung des Datenmaterials ausgewählt. Dies muss im Methodenteil der Arbeit beschrieben werden.
  2. Datenmaterial (Textstellen bzw. Zitate) gezielt auswählen: Anschließend werden Zitate (oder Textstellen) ausgewählt, an denen die analytische Aussage besonders deutlich wird (was in der qualitativen Inhaltsanalyse als Ankerbeispiele bezeichnet wird). Dabei gilt: Nicht eine möglichst große Zahl von Zitaten macht eine Analyse überzeugend. Entscheidend ist vielmehr, dass intersubjektiv nachvollziehbar wird, warum eine bestimmte Textstelle ausgewählt wurde und inwiefern sie für die analytische Aussage relevant ist. Intersubjektive Nachvollziehbarkeit bedeutet nicht, dass alle Leser*innen zwingend zur gleichen Interpretation kommen müssen. Gemeint ist vielmehr, dass sie anhand der dargestellten Materialstelle und der Erläuterung nachvollziehen können, wie die Interpretation zustande kommt. Das Zitat ist entsprechend ein empirischer Zugang zu einem sozialen Muster, einer Orientierung oder einer Praxis.
  3. Das Material interpretieren: In dem Text zum Zitat sollte nicht lediglich wiederholt werden, was in der Textstelle mit anderen Worten steht. Stattdessen gilt es die analytische Aussage, die mit dem Zitat belegt werden soll nun auch zu rahmen. Das heißt es muss deutlich werden, was in dem Material steckt und wie es interpretiert werden kann. In dem oben genannten Beispiel zur Nutzung digitaler Medien also welcher Lehrhabitus sich durch welches Zitat verdeutlichen lässt und warum. Die Aufgabe besteht darin, eine Struktur oder ein Muster zu rekonstruieren, das über die einzelne Aussage hinausweist.
  4. In einen Fachdiskurs einordnen: Im letzten Schritt wird die Interpretation in einen Fachdiskurs eingeordnet. Das heißt, die Interpretation wird an bestehende Theorien und empirische Studien angebunden. Wichtig ist jedoch, Theorie nicht nur nachträglich auf das Material „aufzusetzen“. Vielmehr sollte deutlich werden, wie Empirie und Theorie zusammenwirken. Theorien können im Analyseprozess als begriffliche Werkzeuge dienen. Nach der empirischen Interpretation wird die Analyse zusätzlich in bestehende Theorien und empirische Studien eingeordnet. Dabei sollte nicht nur geprüft werden, ob die eigenen Ergebnisse zu einer Theorie passen, sondern auch, ob sie diese differenzieren, erweitern oder infrage stellen.

In den folgenden Folien wird dieser komprimierte Leitfaden noch einmal mit anderen Hinweisen gerahmt. Bei Fragen gerne auch bei mir melden!

Literatur

Bourdieu, P. (1987). Die feinen Unterschiede: Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft. Suhrkamp.

Steinhardt, I., & Mauermeister, S. (2026). Lehrhabitusmuster von Professor*innen. Anwendungsmöglichkeiten in der Hochschuldidaktik. In L. Gerber, S. Brunner, J. Vanvinkenroye, & F. Rau (Hrsg.), Lernkulturen in der Digitalität gestalten (S. 187–202). Waxmann.

Teiwes-Kügler, C., & Lange-Vester, A. (2018). Das Konzept der Habitus-Hermeneutik in der typenbildenden Milieuforschung. In S. Müller & J. Zimmermann (Hrsg.), Milieu – Revisited: Forschungsstrategien der qualitativen Milieuanalyse (S. 113–155). Springer Fachmedien. https://doi.org/10.1007/978-3-658-18992-1_5

Isabel Steinhardt
Isabel Steinhardt

OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
Isabel Steinhardt (10. August 2026). Praxis interpretativen Schreibens – wie wird aus Datenmaterial Analyse. Sozialwissenschaftliche Methodenberatung. Abgerufen am 17. Oktober 2026 von https://doi.org/10.58079/16nr3


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