Braucht es einen Notausstieg aus der KI, um die Bildung an Universitäten zu erhalten, oder wie können wir Studierenden begreiflich machen, dass ein Studium auch in Zeiten von KI sinnvoll ist? Um sich mit diesen Fragen zu beschäftigen, wurde an der Kulturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Paderborn ein Think Tank gebildet. In diesem reflektieren wir, wie Lehre in unterschiedlichen Fächern „funktioniert“ und wo sie aktuell durch die Möglichkeiten generativer KI herausgefordert, verändert und verbessert wird. Das heißt: Welche Erwartungen, Routinen, Werte und unausgesprochenen Regeln prägen unser Handeln als Lehrende und wo sehen wir, dass diese Selbstverständlichkeiten (schon immer oder neuerdings) ins Wanken geraten? Gerade in Momenten der Veränderung ist es hilfreich, folgende Fragen zu stellen: Was gilt in einem Fach als gute Lehre, als angemessene Beteiligung, als wissenschaftliches Arbeiten oder als „normales“ Verhalten von Studierenden? Und wie werden Studierende in diese fachlichen Selbstverständlichkeiten eingeführt? Um diese Fragen zu diskutieren, haben wir Situationsbeschreibungen aus der Lehre erarbeitet. Dieses Vorgehen möchten wir im Folgenden vorstellen – als Text und als PDF-Dokument für die weitere Nutzung.
Worum geht es
Im Mittelpunkt stehen konkrete Situationsbeschreibungen aus der Lehre. Anhand dieser Situationen wollen wir fachkulturelle Praktiken sichtbar und diskutierbar machen – gerade auch solche, die durch neue Entwicklungen aus dem Bereich KI beeinflusst und herausgefordert werden, z.B. das Lesen und Diskutieren von Literatur, der Umgang mit Quellen oder Forschungsdaten oder das Erstellen von akademischen Texten. Die interdisziplinäre Zusammensetzung der Gruppe ist dabei besonders hilfreich: Lehrende aus anderen Fächern können Fragen stellen, die im eigenen Fach oft nicht gestellt werden, weil bestimmte Abläufe oder Erwartungen selbstverständlich erscheinen.
Ziel ist nicht, einzelne Lehrsituationen zu bewerten oder „Fehler“ zu finden. Vielmehr geht es darum, besser zu verstehen, welche fachkulturellen Annahmen in Lehrsituationen wirksam werden und wie Lehrende Studierende beim Hineinfinden in diese Praktiken unterstützen können, insbesondere dann, wenn Studierende dazu tendieren KI-basierte „Abkürzungen“ zu nehmen. Das methodische Vorgehen basiert auf dem Projekt PRAKTIK – Produktive Reflexionen und Anwendungen von KI in der Hochschullehre, sowie auf dem Format „Exploring AI Literacies“ und dem Textograph*innen-Programm (Frahnert & Karsten, 2018; Karsten et al., 2018) des Kompetenzzentrums Schreiben.
Was sind fachkulturelle Praktiken?
Um fachkulturelle Praktiken verstehen zu können muss definiert sein, was unter Praktiken und was unter Fachkultur zu verstehen ist. Mit dem Begriff Praktiken sind wiederkehrende, oftmals routinierte Formen des Verhaltens gemeint, die sich in dem äußern, was Menschen tun und sagen – Schatzki spricht hier von „doings and sayings“ (Schatzki 2016). Gemeint sind dabei nicht nur einzelne Handlungen, sondern typische Muster, die in bestimmten Situationen immer wieder auftreten und für die Beteiligten einen Sinn haben. Praktiken sind durch soziokulturelle Gegebenheiten strukturiert, können sich aber durch Reflexion verändern. Sie enthalten dabei auch implizites Wissen: also unausgesprochene Vorstellungen darüber, wie etwas „richtig“, „angemessen“ oder „professionell“ gemacht wird. Reckwitz (2004) beschreibt Praktiken deshalb als Verbindung von sichtbaren Körperbewegungen, Dingen und Materialien einerseits und unsichtbarem, nur indirekt erschließbarem Wissen andererseits. Gleichzeitig sind Praktiken mit charakteristischen Formen des Sprechens in den und über die jeweiligen Tätigkeiten verbunden (Luckmann, 1986). In einer Lehrsituation ist also nicht nur wichtig, was gesagt und getan wird, sondern auch, welche Erwartungen, Routinen und Selbstverständlichkeiten darin enthalten sind und wie über diese gesprochen wird. Zudem finden Praktiken immer in bestimmten räumlichen, zeitlichen und materiellen Arrangements statt (Schatzki 2016). Lehrpraktiken sind also durch Modulhandbücher, Prüfungsmodalitäten und didaktische Annahmen mitstrukturiert.
Die Fachkultur wiederum umfasst ein Ensemble von Praktiken, das von Angehörigen eines Fachs geteilt wird und bestimmte, als selbstverständlich angenommene Denkweisen sowie Einstellungen und kulturelle Präferenzen umfasst (Scharlau & Huber, 2019). Dazu gehören zum Beispiel Vorstellungen darüber, wie man wissenschaftlich argumentiert oder wie Erkenntnisse verschriftlicht werden. Fachkulturelle Praktiken wiederum sind die routinierten Formen des Tuns, Sagens, Denkens und Bewertens, durch die eine Fachkultur im Alltag hergestellt und weitergegeben wird. Fachkultur existiert also nicht nur als abstrakte Eigenschaft eines Fachs. Sie zeigt sich konkret in Lehrsituationen: darin, wie Aufgaben gestellt werden, wie Studierende auf Beiträge reagieren sollen, wie Lehrende Feedback geben, wie Wissen geprüft wird oder wie über gute wissenschaftliche Arbeit gesprochen wird. Fachkulturelle Praktiken sind damit die alltäglichen Handlungen, Routinen und Diskurse, durch die Studierende lernen, „wie man es in diesem Fach macht“.
Solche Praktiken sind für erfahrene Lehrende häufig selbstverständlich, für Studierende sind sie jedoch meist neu und nicht immer ausdrücklich erklärt. Sie müssen nicht nur Inhalte lernen, sondern auch in die Denk-, Arbeits- und Kommunikationsweisen des Fachs hineinfinden. Dieser Prozess wird als fachkulturelle Sozialisation oder, wenn er bewusst angeleitet wird, als Enkulturation beschrieben (Jenert & Scharlau 2022; Steinhardt 2024). Pace & Middendorf (2004) haben im Rahmen ihres Decoding the Disciplines-Ansatzes beschrieben, dass Studierende dabei immer wieder auf sogenannte bottlenecks stoßen, also typische Lernhindernisse, durch die grundlegende fachliche Konzepte und Prinzipien nicht erworben werden.
Wie soll der Workshop ablaufen?
Gerade weil fachkulturelle Praktiken häufig implizit alltäglich und selbstverständlich sind, werden sie oft erst dann sichtbar, wenn etwas irritiert und eine starke Involviertheit vorliegt. Solche Momente eignen sich im Workshop besonders gut, um fachkulturelle Praktiken und typische bottlenecks gemeinsam zu untersuchen. Dabei geht es nicht darum, einzelne Personen oder Fächer zu bewerten. Vielmehr wollen wir verstehen, welche unausgesprochenen Erwartungen, Routinen und Werte in Lehrsituationen wirksam sind und wie Studierende besser dabei unterstützt werden können, sich diese Praktiken anzueignen und sie zugleich kritisch zu reflektieren.
Die Arbeit mit Situationsbeschreibungen ermöglicht es, vom Konkreten auszugehen. Wir diskutieren also nicht abstrakt über „die Fachkultur“, sondern betrachten eine bestimmte Situation und fragen, was darin sichtbar wird. Dazu ist es notwendig, dass Lehrende aus dem Think Tank im Vorfeld verschriftliche Situationsbeschreibungen zur Verfügung stellen. Rein verbal eingebrachte Situationen während des Workshops, so unsere Erfahrung, sind für die Analyse weniger zielführend. Deshalb die Bitte sich Zeit zu nehmen eine Situation zu verschriftlichen. Die Situation sollte möglichst anschaulich beschrieben werden und eine starke Beteiligung oder emotionale Reaktion ausgelöst haben. Diese Reaktion kann positiv oder negativ gewesen sein. Leitend kann sein, wenn Sie sich fragen: „Warum hat eine didaktische Idee so gut bzw. nicht funktioniert?“ Die Situation muss nicht dramatisch oder umfassend sein. Oft sind gerade kleine Szenen besonders aufschlussreich: eine Frage, ein Schweigen, ein Missverständnis, eine unerwartete Diskussion, eine gelungene Gruppenarbeit oder eine Irritation bei einer Aufgabenstellung. Angelehnt an die Autoethnographie können mit der dichten Beschreibung (Raufelder, 2008) von Situationen aus der eigenen Lehre Selbstbeobachtungen der Lehrenden genutzt werden um „Annahmen über eine (kulturelle) Gruppe zu begründen, zu analysieren und zu interpretieren“ (AEDiL, 2021, S. 28) und dadurch über little epiphanies sprechen, in denen sich (fach)kulturelle Identität zeigt (vgl. Ellis et al., 2011). Konkret wäre es gut, wenn die Situationsbeschreibung folgende Aspekte umfasst:
- Kontext der Lehrveranstaltung (Studiengang, Modul und Studienabschnitt, Thema, Art der Veranstaltung, Zusammensetzung der Studierenden)
- Didaktische Planung
- Beschreibung der Situation
- Wo genau hat die Situation nicht der eigenen Erwartung entsprochen (positiv oder negativ)?
- Beschreibung der eigenen Wahrnehmung und Involviertheit
Zentral für das Gelingen des Workshops ist es, sich auf die interdisziplinären Sichtweisen einzulassen. Dabei eröffnet die interdisziplinäre Zusammensetzung des Think Tank die Möglichkeit, die eigene Fachkultur aus einer Außenperspektive betrachten zu lassen. Was im eigenen Fach selbstverständlich erscheint, kann für Personen aus anderen Fächern erklärungsbedürftig, ungewöhnlich oder überraschend sein. Genau diese wechselseitige Befremdung ist produktiv. Sie hilft dabei, implizite Annahmen sichtbar zu machen. Gleichzeitig wäre es schön, wenn damit verbunden ist:
- Wir fragen interessiert nach, nicht bewertend.
- Wir bleiben beharrlich und lassen uns auf die fremde Perspektive ein, ohne alles sofort zu glauben.
- Wir versuchen zu verstehen, bevor wir interpretieren.
- Wir nutzen Unterschiede zwischen Fächern als Erkenntnisquelle.
- Wir betrachten Irritationen als Chance, nicht als Problem.
- Wir prüfen gemeinsam, welche Praktiken Studierende stärken, ausschließen, überfordern oder unterstützen.
Für Personen, die eine Situationsbeschreibung einbringen, führen die Nachfragen der fachfremden Kolleg*innen oft zunächst zu einem Gefühl der „Sprachlosigkeit“ („Das ist halt so bei uns“, „Besser kann ich es nicht erklären“). Genau diese Momente sind zentral, weil sie darauf verweisen, dass hier implizites Wissen über fachliche Praktiken expliziert werden muss – ein Prozess der für die Arbeit mit Studierenden gewinnbringend ist.
Literatur
Autor:innengruppe AEDiL. (2021). Corona-Semester reflektiert Einblicke einer kollaborativen Autoethnographie. wbv. https://www.wbv.de/shop/Corona-Semester-reflektiert-6004820w
Ellis, C. Adams, T. E. & Bochner, A. P. (2011). Autoethnography: An Overview [40 paragraphs]. Forum Qualitative Sozialforschung, 12(1), Art. 10.
Frahnert, V. & Karsten, A. (2018). Fachsensibilität als Ressource für den Writing Fellow-Ansatz. In A. Voigt (Hrsg.), Lehren und Lernen mit Writing Fellows. Beiträge zur Forschung, Evaluation und Adaption (S. 127-139). wbv.
Jenert, T., & Scharlau, I. (2022). Wissenschaftsdidaktik als Verständigung über wissenschaftliches Handeln – eine Auslegeordnung. In G. Reinmann & R. Rhein (Hrsg.), Wissenschaftsdidaktik I: Einführung (S. 155–180). transcript. https://ris.uni-paderborn.de/record/33864
Karsten, A., Frahnert, V. & Schäfer, S. (2018). Am Schreiben teilhaben. Das Textograph*innen-Programm an der Universität Paderborn. In T. Stroot &; P. Westphal (Hrsg.), Peer Learning an Hochschulen. Elemente einer diversitysensiblen, inklusiven Bildung (S. 242-261). Julius Klinkhardt.
Luckmann, T. (1986). Grundformen der gesellschaftlichen Vermittlung des Wissens. Kommunikative Gattungen. Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie. Sonderheft 27, 191-211.
Pace, D. & Middendorf, J. (Hrsg.) (2004). Decoding the Disciplines: Helping students learn disciplinary ways of thinking. Jossey-Bass.
Raufelder, D. (2008). Die Methode der „Dichten Beschreibung“ in der qualitativen Schulforschung—Ergebnisse einer Feldstudie zum Lehrer-Schüler-Verhältnis. In A. Ittel, L. Stecher, H. Merkens, & J. Zinnecker (Hrsg.), Jahrbuch Jugendforschung (S. 143–161). VS Verlag für Sozialwissenschaften. https://doi.org/10.1007/978-3-531-91087-1_9
Reckwitz, A. (2004). Die Reproduktion und die Subversion sozialer Praktiken. Zugleich ein Kommentar zu Pierre Bourdieu und Judith Butler. In K. H. Hörning & J. Reuter (Hrsg.), Doing Culture (S. 40–54). transcript-Verlag. https://doi.org/10.14361/9783839402436-003
Scharlau, I., & Huber, L. (2019). Welche Rolle spielen Fachkulturen heute? Bericht von einer Erkundungsstudie. die hochschullehre, 5, 315–354.
Schatzki, T. R. (2016). Praxistheorie als flache Ontologie. In H. Schäfer (Hrsg.), Sozialtheorie (1. Aufl., S. 29–44). transcript Verlag. https://doi.org/10.14361/9783839424049-002
Steinhardt, I. (2024). Lehrpraktiken, Sozialisation und Selektion im Sozialraum Hochschule. In Vöing, T. Jenert, I. Neiske, J. Osthushenrich, U. Trier, T. Weber, & K. Altroggen (Hrsg.), Hochschullehre postdigital. Lehren und Lernen neu gestalten: Blickpunkt Hochschuldidaktik (S. 37–54). wbv. DOI: 10.3278/9783763977192
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Isabel Steinhardt, Andrea Karsten, Rebecca Schmidt (3. September 2026). Fachkulturelle Praktiken und genKI – Anleitung zur Reflexion. Sozialwissenschaftliche Methodenberatung. Abgerufen am 17. Oktober 2026 von https://doi.org/10.58079/16pvk